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ERDMÖBEL
Biografie

"Als ich so 14, 15 war“, erinnert sich Markus Berges, „und anfing, meine ersten, total epigonalen Songs zu schreiben, war das natürlich auf Englisch. Nicht, dass ich das damals perfekt beherrscht hätte. Aber das war egal. Es kam nicht so drauf an, was die Texte bedeuten. Sondern darauf, dass es cool klingt.“

 Im Grunde hat sich daran bis heute nichts geändert. Natürlich sind Erdmöbel-Songs alles andere als epigonal. Natürlich sind sie nicht auf Englisch. Auf Deutsch aber doch irgendwie auch nicht. Es ist eine eigene Erdmöbel-Sprachwelt, in die man beim Hören des neuen Albums „Krokus“ eintaucht - eine aus merkwürdigen Vokabeln, wie sie sonst nie in Popsongs vorkommen. „Sorpe, Banfe, Schobse, Milz“ - so beginnt der dritte Song. Wer googelt, merkt, dass das Flüsse sind. Was das zu bedeuten hat, lässt sich sicher herauskriegen. Ist aber eigentlich auch egal. „Sorpe, Banfe, Schobse, Milz“ - wie toll das klingt!

 „Wir hatten kurz mit dem Gedanken gespielt, Songs in einer Fantasie-Sprache zu dichten“, erklärt Bassist und Produzent Ekimas grinsend. Aber das braucht es gar nicht, wenn Markus Berges, den die „taz“ einen „großen zeitgenössischen Lyriker“ nennt, ans Werk geht. Ein Sänger, der aus „Rosen, Ochsen, Holz“ und „Feldspat, Pferdehaar, Benzin“ Zaubersprüche anrührt. Bei dem sogar die Verwaltungs-Bezeichnung „Nordrhein-Westfalen“ verheißungsvoll klingt.

 All das war immer schon da in 15 Jahren Bandgeschichte. Auf „Krokus“ tritt es nun viel entschiedener zutage. „Kompromissloser, direkter, auch aggressiver“, so Markus Berges, sollte die Platte klingen. Das hört man zum Beispiel im geradezu umwerfend knalligen „Fremdes“. Ein unnachgiebig ratternder Beat hält den Song zusammen, die Gitarre flackert und klickert nervös, Berges' Sprechgesang ist lässig, angriffslustig, fordernd. Mittendrin bricht dann der Himmel auf: Posaune, Querflöte und Waldhorn formieren sich zum sehnsüchtigen Chor. Dann wieder ein Song wie das neblig verhangene „Wort ist das falsche Wort“. Ein Lied, das einem schier das Herz umdreht. „Melancholisch“ könnte man sagen. Aber vielleicht ist das auch „das falsche Wort“. Weil sich das, was man beim Hören fühlt, bei dieser Band mit Standardphrasen nicht greifen lässt. Was ist das für eine Stimmung, die einen gleichzeitig traurig und glücklich macht? „Ach, ist unsagbar schwer zu sagen.“

 Der charakteristische Erdmöbel-Sound schält sich bei alledem immer deutlicher heraus. Und die typischen Bläsersätze sind da nur ein, wenn auch wichtiges Element. „Wir haben einen Bandsound entwickelt, der klar, trocken und gleichzeitig räumlich ist“, sagt Markus Berges. „Auf dem neuen Album ging es auch darum, diese Qualitäten nochmal zu schärfen.“ „Krokus“ klingt rund, selbstbewusst, eigenwillig, geschlossen. Und kann sich deshalb leisten, so vielfältig zu klingen, ohne zu zerfasern: Mal nach Motown, mal nach 60er-Easy-Listening, mal nach Bossa-Nova. Das Album fährt mit Akkordeon, Strawberry-Fields-Flöten und Westcoast-Gesangs-Brise auf. Statt Gitarren dominiert das klare Piano von Proppe, dezent, aber absolut präsent spielt Schlagzeuger Dewueb – und immer wieder Ekimas‘ Bass, der bei Erdmöbel ein Melodieinstrument ist.

 Ein bisschen gedauert hat es schon, bis die Platte endgültig fertig war. Was auch daran liegt, dass Berges sich gleichzeitig einem anderen Projekt widmete. Aufgrund der Songtexte klopften die Buchverlage an, und nun hat er seinen Debütroman geschrieben, der zeitgleich mit dem Album veröffentlicht wird. „Ein langer Brief an September Nowak“ heißt das Buch, das beim Rowohlt Berlin Verlag erscheint. „Das war für mich eine neue, ungewohnte Art zu schreiben, ganz anders als bei Songs“, erzählt Berges. Nicht zufällig also heißt auf dem neuen Album von Erdmöbel das letzte Stück  „September Nowak“. Es ist das erste Instrumental der Bandgeschichte und klingt wie der Soundtrack der Romanverfilmung.

Alle Songs des Albums entstanden in seit Jahren bewährter Arbeitsteilung. Was Markus Berges zuhause an der Gitarre fertig schrieb, reichte er an Ekimas weiter. Der krempelt manchen Song nochmal komplett um, aber daran hat Berges sich längst gewöhnt. Die beiden sind ein eingespieltes Team, das aus Eigensinn und kreativer Reibung wundervolle kleine Hits destilliert. Hits? Ja, Herrgott noch mal. Hört „Erster, erster“! Jetzt. Als allererstes. Der Rest muss bis morgen warten. Denn wer dazu nicht sofort mit all seinen Freunden beim Picknick im Park tanzen will, kann auch Urlaub in Sibirien buchen.