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CHRISTIAN ELSÄSSER
Biografie

DAS INNERSTE NACH AUSSEN STÜLPEN

Text: Ssirus W. Pakzad (Jazzthing Nov. 2010, zum Release der CD "Seemingly") Trotz seiner gerade mal 27 Jahre ist Christian Elsässer ein alter Hase. Bereits als Teenager versetzte er die Münchner Jazz-Szene mit seinen reifen Klavierkünsten in kollektives Raunen. Seither hat die Bewunderung für ihn nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Mittlerweile nimmt man selbst international Notiz von den Fähigkeiten des Pianisten, Komponisten und Dozenten. Den Begriff Wunderkind, der 1997 schnell kursierte, als er sich erst beim Landes-Jugendjazzorchester und dann in Harald Rüschenbaums Big Band ans Klavier setzte, hat Christian Elsässer damals einfach zur Kenntnis genommen. „Ich hatte kein Problem damit, so eingeschätzt zu werden”, sagt er nüchtern. „Aber ich selbst habe mich nicht als Wunderkind gesehen. Ich habe einfach ziemlich früh angefangen und sah meine Entwicklung als etwas, das ganz natürlich verlief.” Klar, dass man nur mit gewissem Ehrgeiz weiter kommt, wenn man im Leben etwas erreichen will. Aber Christian Elsässer trieb seine Ambitionen nie mit Verbissenheit voran. Sein rasantes Weiterkommen verdankt er unstillbarer Neugier und einer tiefen Liebe zur Musik. Immer hat er genauestens darauf geachtet, dass er bestimmte musikalische Zielvorstellungen mit entsprechender Ausbildung unterfüttert. Er studierte bei Leonid Chizhik Jazz-Piano, bei Michael Leslie klassisches Klavier und bei Wilfried Hiller klassische Komposition. Heute ist er an der Münchner Hochschule für Musik und Theater selbst Dozent - für Jazz Piano, Jazz Ensemble, Komposition und Arrangement sowie Musikproduktion am Computer. Das, was er aus seiner eigenen Ausbildung mitnahm, verarbeitete er kreativ weiter. Heute gilt er als einer der versiertesten und geschmackssichersten Tastenmänner des Landes - und gewinnt auch als Tonsetzer immer mehr Profil. Diverse Spielfilme verließen sich auf seine klangliche Unterstützung und wer weiß, ob sich die „Dramaturgie” der TV-Soap „Marienhof” ohne sein musikalisches Zutun (2005 - 2008) so klar hätte vermitteln können. „Ich musste mich bei solchen Jobs nie verbiegen”, sagt Christian Elsässer. „Ich kann jeden einzelnen Ton unterschreiben, den ich damals für Marienhof geschrieben habe.” Ein Vorteil der Fernseharbeit lag darin, dass der sonst eher bedächtig arbeitende Komponist meist ruckizucki einen ganzen Batzen Musik abliefern musste. „Dieser Zeitdruck unter dem ich arbeitete, hilft mir an anderer Stelle bestimmt weiter.” Sein kompositorisches Oevre umfasst neben der Soundtrack-Arbeit auch diverse Werke für Big Band. Mit einem davon hat er gerade den von der hr Bigband ausgeschriebenen „Jazzpositions”-Preis gewonnen. In der Jury Begründung heißt es: „Christian Elsässer bestach durch eine feine musikalische Balance sowie vielfältige Klangfarben. Die Jury ließ sich von der hohen Emotionalität und Expressivität des Stückes direkt ansprechen und schließlich überzeugen.” „Above All”, die siegreiche Nummer, die Elsässer bei den Hessen einreichte, findet sich als Trio-Arrangement auch auf einer neuen CD, die „Seemingly” (Care/ edel Kultur) heißt und für Furore sorgen dürfte. „Der Albumtitel zielt darauf hinaus, dass man sich oft von äußeren Einflüssen dazu verleiten lässt, Dinge, Situationen und auch Personen falsch einzuschätzen und zu beurteilen”, sagt der Pianist. „Die Sicht auf eine und die dieselbe Sache verändert sich nun mal einfach. Auch der persönliche Zugang zu diversen Musikstücken bleibt im Laufe der Zeit nicht unbedingt derselbe. Sehr viele Stücke des Albums und besonders die dazu gehörigen Titel haben mit konkreten Lebenssituationen zu tun, mit entscheidenden Punkten im Leben.” Christian Elsässers Stimme wird plötzlich tiefer. „Die Musik hilft mir oft, bestimmte Emotionen und Erlebnisse zu verarbeiten - besonders beim Schreiben. Es werden dabei Dinge freigesetzt, die gut tun. Man kommt sich selbst näher und stülpt im besten Fall sein Innerstes nach außen” Das ist ihm auf „Seemingly” trefflich gelungen. Mit dem Bassisten Henning Sieverts und dem Schlagzeuger Bastian Jütte bildet der Mann am Klavier schon länger eine eingeschworene Einheit und spielt hier mit ihnen nun eine bewegende, oft beinah hymnenartig anmutende Musik, die von vielen Puls-Frequenzen, nicht nur denen des Swing lebt und übrigens ihre klangliche Fülle auch in der Nachbearbeitung des Materials im Studio erfuhr. Es ist fast schon etwas unheimlich, wie sich die Kommunikation der drei Musiker verdichtet, wie sie sich vom lyrischen Grundgefühl lösen und eine Kraft entwickeln, die aus Gewissheiten entsteht. Neben Seufzer heraufbeschwörenden Balladen, gibt es auch etliche elegant treibende, von unaufdringlichem Elektronik-Einsatz unterstützte Groovenummern, die Elsässer auf die jüngste Zusammenarbeit mit Pee Wee Ellis, Fred Wesley, Klaus Doldinger, Guido May oder Biboul Darouiche zurückführt. In denen blitzen Verzierungen auf, die sich der Pianist bei Heroen wie Herbie Hancock abgeschaut hat. Sonst fasziniert er mit betörend gesetzten Akkorden, pointierten Einzel-Noten der rechten Hand, mit impressionistisch gefärbten Arpeggien, die nach links und rechts ausbrechen, mit einem verblüffenden Gespür für die Dynamik seiner Stücke. „Wichtig ist, dass die Musik eine Tiefe, eine Aussage hat. Das ist mir viel näher, als in einem Solo zu zeigen, wie schnell ich spielen kann.”